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Leichte Sprache? – Klare Worte!

„Wenn die Botschaft nicht ankommt, nützt auch die schönste Sprache nichts.“ Die Aussage von Christina Stücheli, Leiterin Kommunikation der Stadt Zürich, kann ich voll unterschreiben. „Sprache ist mehr als Vehikel für Mitteilungen“, schreibt der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler. Ja doch; finde ich auch. Aber dort, wo es darum geht, zu informieren oder anzuleiten zählt Klarheit und Verständlichkeit und weniger Stil, Wortgewalt und die Pflege des Reichtums unserer Sprache. Es geht nicht darum, Literatur in „Leichte Sprache“ zu übersetzen. Doch wenn Behörden auf „Leichte Sprache“ setzen, um auch von Menschen mit verminderter Sprachkompetenz verstanden zu werden, ist dagegen doch nichts einzuwenden. Oder?

Klar: Leichte Sprache nach den strengen Regeln ist extrem vereinfacht, nicht schön zu lesen und natürlich beschränkt, wenn man einen Sachverhalt bis ins letzte Detail erklären will. Doch mit einer derart vereinfachten Sprache können wir das Wesentliche klar und verständlich machen – für

  • Menschen mit Lern-Schwierigkeiten
  • Menschen, die nicht so gut lesen können
  • ältere Menschen
  • Menschen, für die Deutsch nicht ihre Muttersprache ist.

Und um diese Menschen geht es beim Konzept der Leichten Sprache.  Leichte Sprache im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) hat das Ziel, Menschen mit Leseschwierigkeiten die Teilhabe an Gesellschaft und Politik zu ermöglichen.

Dagegen kann nun wirklich niemand sein, oder?

„Barrierefreiheit“ ist der Ansatz dahinter, der ja auch in anderen Bereichen umgesetzt wird, etwa bei der Gestaltung und Programmierung von Internetauftritten. Es wäre doch eigenartig, wenn man den Aufwand betreiben würde, Internetauftritte technisch aufwendig für Menschen mit einer Behinderung zu optimieren, dann aber Textinhalte anzubieten, die kaum einer versteht.  Oder? >>> Access for all.

Foto Beispiel Leichte Sprache
Beispiel für Leichte Sprache unter www.proinfirmis.ch.

 

Leichte Sprache für die richtigen Zielpersonen

Wenn die Behörden mit einer bewusst einfachen Sprache besser verstanden werden wollen, ist daran nichts auszusetzen; meine ich. Leichte Sprache ist ein Ansatz – und soll bestimmte Zielpersonen im Alltag unterstützen, die aus verschiedenen Gründen Lese- und Verständnisprobleme haben. Ich verstehe die Kritik nicht, Leichte Sprache sei „bildungsfeindlich“. (Interview mit Rainer Bremer in der NZZ). Es geht doch nicht darum, an den Schulen nur noch Leichte Sprache zu lehren oder dass wir dereinst alle nur noch in diesem Stakkato von kurzen Sätzen reden oder schreiben.

Einige Regeln der Leichten Sprache leuchten sofort ein und sind bekannt aus vielen Ratgebern für eine gute, leicht verständliche Schreibe:

  • Kurze Sätze
  • Einfacher Satzbau
  • Kurze, präzise Worte
  • Verben statt Substantive
  • Keine Dopplverneinung
  • Fachbegriffe und Fremdwörter vermeiden oder erklären
  • Aktive statt passive Form
  • Anschauliche Beispiele geben

Und auch wenn es um die Darstellung und Strukturierung der Texte geht, gebe ich in meinen Workshops für Webtexter und Webtexterinnen die gleichen Tipps:

  • Gute Gliederung mit kurzen Absätzen und Zwischentiteln
  • Hervorhebung von wichtigen Stellen (fett)
  • Gut lesbare Schrift (nicht kursiv, serifenlos)
  • Linksbündiger Flattersatz anstatt Blocksatz
  • Guter Kontrast (schwarz auf weiss)

Das alles will Leichte Sprache auch; und ist darüber hinaus mit seinen Forderungen noch etwas radikaler. Doch das ist okay: Sie richtet sich ja auch an ein besonderes Zielpublikum mit konkreten Problemen.

Einfache und klare Sprache – sie dient uns allen

Viele Texte sind schwerfällig, kompliziert, aufgeblasen und schwer verständlich – nicht nur für Menschen mit einer Behinderung. Der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler ist auch kein Freund der Leichten Sprache und warnt vor einer „Sprache auf Schwundstufe“.

In seinem „externen Standpunkt“ in der NZZ am Sonntag gefielen mir seine Überlegungen zur „klaren Sprache“. So schrieb er: „Könnte es sein, dass manche von ‚leichter‘ Sprache reden und eine ‚klare‘ meinen? Auch Klarheit macht Sprache leichter – aber aus der Sache heraus; sie arbeitet an der Sache, bis diese selber spricht, unverstellt. Die Erleichterungs-Offerte kümmert sich um keine Sache, sie senkt die Schwelle des Zugangs, verlangt open access, ohnehin das Schlagwort der Stunde, müheloses Andocken an Informationsströme. Vielleicht käme sie ihrem pädagogischen Ziel näher, sorgte sie sich nicht allein um die Leichtigkeit des Empfangs, sondern um die sprachliche Klarheit der Sendung. Da hapert es nämlich, und das ist ein Problem nicht nur für manche mittlere Sprachkompetenz, sondern für die Fitness der Republik.“

Die „sprachliche Klarheit der Sendung“: Ja, darum geht es!

Danach bringt der Publizist ein Beispiel aus der Amtssprache, „eine harmlose Mitteilung, wie sie täglich kursiert“, und macht sich köstlich lustig über den Satz: „Dass längerfristig, primär aus Gründen der demografischen Alterung, ein finanzieller Mehrbedarf droht, hat der Bundesrat nicht in Abrede gestellt.“

Gegen die sprachliche Vernebelung

Doch lustig sind solche Konstrukte gar nicht: „… Stanzwörter, Leerformeln, Nebelpetarden – Information oder doch eher Einschüchterungsprosa? Der Bürger versteht Bahnhof – und hängt ab“, schreibt Hasler und weiter: „Da müssen vielmehr klare Worte her. … Also in einer Sprache, die Laien verständlich wird.“ So will er die Welt beschrieben wissen. Seine Forderung lautet: „Die Behörden sollten mit ihrer Sprache die Wirklichkeit nicht vereinfachen, sondern klarer machen.“

Genau! Und nicht nur die Behörden. Alle, die kommunizieren, informieren, unterrichten und anleiten, sollten sich klar und einfach ausdrücken. Das Ziel muss sein, verstanden zu werden von den Menschen, mit denen man sich austauschen will . (Das fand ich schon bei der Mundart-Debatte, die Peter von Matt 2010 ausgelöst hat. Ich habe darüber geschrieben.)

Einfach, klar und verständlich zu schreiben – in Beruf, Schule oder Studium – sollte uns am Herzen liegen. Doch aufgepasst: Einfach ist einfache Sprache nicht. Vom bekannten Sprachstillehrer Wolf Schneider stammt das Bonmot: „Einer muss sich quälen, der Schreiber oder der Leser“. 


Was denken Sie zum Konzept „Leichte Sprache“? Lassen Sie es mich wissen und schreiben Sie hier Ihre Meinung.


* Zitate
Christina Stücheli:  „Simples Deutsch breitet sich aus“, NZZ am Sonntag, 22.1.2017

Ludwig Hasler: „Wir brauchen klare Worte, keine leichte Sprache“, NZZ am Sonntag, 29.1.2017

Vielen Dank fürs Weitersagen.

4 Gedanken zu „Leichte Sprache? – Klare Worte!

  1. Leichte Sprache hilft vielen Menschen. Mir hilft die Leichte Sprache beim Deutsch lernen. Leichte Sprache ist ein Zusatz·angebot. Ich glaube nicht dass die Alltagssprache dadurch leidet. In Deuschland gibt es sehr viele Leichte Sprache Angebote. Das finde ich gut. Besonders möchte ich Hurraki erwähnen. Es ist ein freies Wiki bei dem jeder mit·arbeiten kann. Es funktioniert wie Wikipedia.

  2. Danke für diese klaren Worte. Sie treffen exakt den Punkt. Leichte Sprache hilft Barrieren abzubauen. Sie macht Informationen zugänglich. Nur wer versteht, kann selber entscheiden und mitbestimmen. Leichte Sprache hat auch mit Respekt zu tun. Mit Respekt für unser Gegenüber.

    1. Du schreibst es richtig. Der Versuch, einander zu verstehen und sich selber verständlich zu machen, hat mit Respekt zu tun. Und am Ende soll die Sprache uns Menschen dienen und nicht umgekehrt. Vielen Dank für deinen Kommentar, Andrea.

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