Wie weiss ich, was ich denke, bevor ich gelesen habe, was ich schreibe?

Dieser Untertitel zum Workshop Schreibdenken hat es in sich. Leider stammt er nicht von mir. Die Idee dazu hatte Martin Meier, der ja die Kursprogramme für die Freizeitanlage Oberwil redigiert bzw. selber schreibt. Und er hat ins Schwarze getroffen damit und etwas vorweggenommen, was tatsächlich im Kurs passierte..

Beim Workshop im letzten September haben viele diesen Titel lobend erwähnt. Eine Person gab offen zu: „Was mich sofort gepackt hat, war dieser Titel – irgendwie geheimnisvoll, verwirrend. Da wollte ich mehr dazu erfahren.“ Bis heute, bekomme ich lobende Worte für diese Headline, die ja nicht mal von mir stammt.

Die Magie guter Headlines

Das zeigt, wie wichtig gute Überschrifte sind, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Meine Titelversion lautete damals: „Produktiv schreiben ohne Blockaden“. Daran kann nichts falsch sein, dachte ich: Schon im Titel bringe ich den Nutzen für die Teilnehmenden auf den Punkt. Denn darum geht’s ja, wenn wir die Schreibprozesse optimieren: Wir schreiben effizienter, sind produktiver beim Texten.

Und im zweitägigen Workshop legten wir grossen Wert, die einzelnen Schritte im Schreibprozess kennen zu lernen: Von der Schreibeinstimmung über das Entwickeln von Ideen, das Strukturieren, Rohtexten und Reflektieren bis zum so oft unterschätzten Überarbeiten – jeder Schritt ist wichtig und braucht die nötige Aufmerksamkeit der Schreibenden. Wir betrachteten verschiedene Notizstrategien, die helfen, unsere Gedanken möglichst gut zu bewahren. Wir übten kreative Methoden, um die Gedanken überhaupt fliessen zu lassen und so auch möglichen Schreib-Blockaden entgegen zu wirken. Das alles hilft, besser und produktiver zu schreiben. Mein Titel passte also ganz wunderbar. Siehe auch: Wenn vier Menschen schreibdenken.

Schreibend sich selber auf die Spur kommen

Martin suchte für die Kursausschreibung nach dem Besonderen, nach etwas, an dem man hängen bleibt und schrieb: „Wie weiss ich, was ich denke, bevor ich gelesen habe, was ich schreibe?“ Als hätte er eine Vorahnung gehabt, was am zweiten Tag dieses Kurses tatsächlich passieren würde…

Wir machten einen Fokussprint zum Thema Freundschaft.  (Bei einem Fokussprint schreibt man möglichst assoziativ über ein bestimmtes Thema – die Gedanken und Worte sollen dabei sprudeln, der Stift möglichst nicht abgesetzt werden. Erst beim Durchlesen geschieht die Reflexion.)

Also schrieb eine Teilnehmerin im Sprint, wie wichtig für sie Freunde und Freundinnen sind und wie wertvoll die Freundschaft von Menschen für sie in einer schwierigen Lebensphase war.  Bei der Diskussion in der Gruppe unterstrich die Frau nochmals ihre Absicht, einen Text über die positive Kraft der Freundschaft schreiben zu wollen. Doch beim assoziativen Schreiben während des Sprints, schlich sich, fast unbemerkt ein Satz hinein, der uns alle zum Staunen brachte: Sie schrieb fast eine Seite lang, wie schön es war, dass sie auf so viele Menschen zählen konnte, auf Mitarbeitende und Bekannte, von denen sie gar nicht so viel Anteilnahme und Rückhalt erwartete. Und dann in einem kleinen Nebensatz: „Nur XY liess mich fallen – und das machte mich sehr traurig.“

Bei der Diskussion über den Text, bei der es eigentlich ums Überarbeiten, Textstruktur und Dramaturgie ging, erkannte die Frau, dass diese Enttäuschung – auch wenn sie lange zurücklag – doch noch immer stärker war, als sie angenommen hatte. Das spürte sie in diesem Moment und mir schien, sie wurde nachdenklich.

Ich weiss nicht, ob sie ihren Text über Freundschaft später noch fertig geschrieben hat. Und ob zentral das Schöne der Freundschaft geblieben ist oder plötzlich die Enttäuschung über eine zerbrochen Freundschaft im Fokus stand.  Interessieren würde es mich – doch es geht mich nichts an.

Faszinierend für mich ist heute noch, dass sich in dieser Situation, fast am Ende des Workshops, der Titel von Martin erfüllt hatte: Plötzlich ging es in der Diskussion nicht mehr ums Aus- und Überarbeiten eines Rohtextes, sondern um die Tatsache, dass man sich unter Umständen über gewisse Gedanken erst klar wird, wenn man liest, was man darüber geschrieben hat.

Kennt Ihr dieses Gefühl, beim Schreiben weiter zu denken? Schreibend euch über Dinge und Menschen klarer zu werden? Wenn ihr mögt, schreibt davon in einem Kommentar.

Möchtest du an einem Schreibdenken-Workshop teilnehmen? Schreib mir jetzt eine E-Mail. Ich informiere dich dann persönlich, wenn der nächste Kurs in deiner Nähe stattfindet.

Vielen Dank fürs Weitersagen.

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