Foto Introvertierte Frau

„Jetzt geh doch mal etwas aus dir raus…“

Aufgestellt, gesellig, spontan, risikofreudig und unternehmungslustig – so ist der Idealmensch unserer Zeit: Alphatiere, forsch und laut, in einer schnellen, lärmigen Welt. Die Stillen und Leisen hört man nicht, sie gehen unter und kommen kaum zu Wort. Doch haben sie wirklich nichts zu sagen, die Vorsichtigen, die Nachdenklichen: die Introvertierten?  Im Gegenteil, sagen Psychologen und heute sogar die Ökonomen. Unsere Gesellschaft kann es sich gar nicht leisten, auf die Stärken der Leisen zu verzichten. Kommunikation mit Introvertierten ist also wichtig. Doch wie kommt man dazu, sie aus der Reserve zu locken?

Man kennt die Szene: Ein paar Menschen sitzen zusammen, plaudern, machen Witze, lachen. Nur Peter sitzt da, scheinbar teilnahmslos, schweigend. Ab und zu huscht ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er beobachtet die Menschen um sich herum. Alle reden wild durcheinander, erzählen ihre Geschichten und versuchen, einander zu übertreffen mit Ausschmückungen und – vor allem – in der Lautstärke. Peter sitzt da und hört zu. Irgendeiner bemerkt‘s und ruft: „Ach Peter, was bläst du wieder Trübsal. Sag doch auch mal was.“ Peter lächelt. Eine andere stichelt beleidigt: „Das ist unserem ‚Philosophen‘ wohl zu wenig geistreich, was wir hier bereden.“

Und irgendwann kommt sicher dieses unvermeidliche: „Jetzt geh doch mal etwas aus dir raus…“

Still – unnahbar – unglücklich: Der grosse Irrtum

Oft werden stille, in sich gekehrte Menschen als entweder schwermütig oder als uninteressiert, gar arrogant und unnahbar empfunden – wenn man sie denn überhaupt wahrnimmt. Ist er unglücklich? Humorlos? Verklemmt? Warum sitzt er einfach nur da, lacht kaum je laut und spricht so wenig? Oder ist er vielleicht nicht besonders gescheit, dass er sich so gar nicht am Gespräch beteiligt?

Introvertierten begegnet man oft mit Vorbehalt, gar mit Misstrauen: Hat er was zu verbergen; weiss er mehr als er zeigt und rückt nicht raus damit? Schon als Kind und immer wieder im Alltag wird uns Introvertierten – ja; auch ich bin einer – das Gefühl vermittelt, dass etwas nicht stimmt mit uns.

Doch wir sind ganz OK, nur einfach anders: Wir ertragen soziale Kontakte halt nur in kleiner Dosierung und sehnen uns schnell wieder nach Ruhe.

Grossraumbüros sind uns ein Graus, bevorstehende Telefonate bereiten uns körperliches Unbehagen. Small-Talk an Partys oder Networking-Anlässen strengen unendlich an. Wir rauchen allein schon deshalb, damit wir einer Gesellschaft zwischendurch wenigsten eine Zigarette lang entfliehen können. Andere brauchen Stimulierungen von aussen, um sich nicht zu langweilen oder um überhaupt in Fahrt zu kommen. Uns können sie überwältigen, lähmen. Und weil wir ungefragt nur wenig reden, selten jemanden unterbrechen und im Saal meist hinten und nahe beim Ausgang sitzen, nimmt man uns kaum wahr.

Introversion / Extraversion: Eine Frage des Temperaments

Der Psychoanalytiker Carl GustavJung schrieb 1921 erstmals über die „Introversion“ und erklärt sie als Hinwendung der psychischen Energie nach innen, weg von der Aussenwelt. Die extravertierten Menschen nimmt man wahr als aufgeschlossen, gesellig, selbstsicher und risikofreudig – Introvertierte hingegen als ruhig, zurückhaltend, in sich gekehrt. Einen nur introvertierten und nur extravertierten Menschen gibt es nicht, doch bei den meisten ist die eine oder andere Richtung ausgeprägter – und zwar von Geburt an und fürs ganze Leben.

Der grosse Unterschied liegt also in der Quelle, aus der die Menschen ihre Energie gewinnen: Bei Introvertierten liegt sie in der inneren Welt von Ideen, Emotionen und Eindrücken. Die Extravertierten holen ihre Energie eher in der externen Welt – durch Aktivitäten, Menschen, Orte und Dinge. Sie müssen draussen und unter Menschen sein, um aufzutanken; Introvertierte fühlen sich schnell überfordert von äusseren Reizen.

Extravertierte: selbstsicher – aufgeschlossen – normal?

Wir leben in einer Welt, in der die Extraversion das Ideal ist. Doch die Extravertierten sind nur scheinbar in der absoluten Mehrheit. Man nimmt sie nur ganz einfach leichter wahr. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass immerhin ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung introvertiert ist.

Trotzdem: In Stelleninseraten suchen Unternehmen nach Mitarbeitenden, die „kommunikativ, teamfähig, selbstsicher, durchsetzungsstark, offen, dynamisch“ sind. In Kontaktanzeigen hat Vorteile, wer sich als „aufgestellt, gesellig, spontan und unternehmungslustig“ beschreibt. Studien zeigen, dass Menschen, die schnell, viel und laut sprechen, von vielen als klüger und sympathischer, attraktiver und interessanter wahrgenommen werden. Das mag der Grund sein, warum es in unserer extravertierten Welt laute, schnelle und forsche Menschen leichter haben als die Leisen und Zurückhaltenden.

Dabei würde man sich heute wünschen, beim grossen amerikanischen Immobiliencrash und der folgenden Bankenkrise hätten nicht die Schnellsten und Lautesten mit Mut zum Risiko die Richtung vorgegeben, sondern die Vorsichtigen und Stillen, die denken, bevor sie handeln. Und darin sind Introvertierte den Extravertierten definitiv überlegen.

Neues Interesse an den Introvertierten

Und siehe da: In den letzten Jahren haben Forscher tatsächlich den „Wert der Introvertierten“ für die Gesellschaft mehr und mehr entdeckt. Verschiedenste Publikationen zum Thema sind auf dem Markt. Einige Beispiele sind: „Die Macht der Introvertierten – Der andere Weg zu Glück und Erfolg“ (2002), “LeiseMenschen – starke Wirkung“ (2012), „Still. Die Bedeutung von Introvertierten ineiner lauten Welt“ (2013) oder „Die Macht der Stille“ (2015).

Schon allein diese Titel verraten, dass die Autorinnen in der Introversion eine Qualität sehen. Einerseits machen sie den „Intros“ Mut, zu ihrem Persönlichkeitsstil zu stehen, andererseits wollen sie dem „Rest der Welt“ zeigen, wie wichtig es wäre, mehr auf die Introvertierten zu hören.

Beispielsweise schreibt Susan Cain in ihrem Buch „Still.“: „Wenn wir davon ausgehen, dass stille und laute Menschen in etwa dieselbe Anzahl an guten oder schlechten Ideen haben, dann sollte der Gedanke, dass nur die lauteren und energischeren Menschen sich durchsetzen, uns besorgt aufhorchen lassen.“

Doch wie soll man auf Menschen hören, die sich kaum zu Wort melden?

Schreibdenken: Brainwriting anstatt Brainstorming

Wenn es darum geht, kreative Ideen für ein Projekt zu entwickeln oder Lösungsansätze zu sammeln, wird in Unternehmen, an Schulen und Universitäten oft Brainstorming angewendet. Die meisten von uns kennen das: Stichworte werden in die Runde gerufen, spontan und möglichst unzensiert. Die Begriffe werden gesammelt und ausgewertet. Dabei sind es vor allem die Extravertierten, die eine solche Runde prägen, weil das laute, hektische und ungefilterte Rufen von Ideen für Introvertierte in der Regel ein Graus ist und sie ob diesem „Lärm“ meist verstummen.

Bild Wandtafel besser schreiben als reden
Introvertierte schreiben lieber, als dass sie reden.

Schreiben liegt uns Introvertierten eindeutig besser als Reden. Warum also das Brainstorming nicht einmal mit einem Brainwriting ersetzen: Blätter werden in drei Spalten und x Zeilen geteilt. Die Teilnehmenden schreiben in die erste Zeile ihres Blattes drei Ideen zum vereinbarten Thema. Dann werden die Blätter reihum gegeben. Die nächste Person greift die Ideen der ersten auf und fügt in die zweite Zeile drei neue Ideen hinzu. Dann werden die Blätter der nächsten Person gereicht und immer weiter.

Ideen sammeln und Gedanken austauschen

Auch auf diese Weise werden schnell viele wertvolle Ideen gesammelt, jedoch in einer stillen Atmosphäre. Die Erfahrungen in Seminar und Workshop zeigen, dass gerade Introvertierte sich auf diese Art besser einbringen können. Für die übrigen ist es eine willkommene Alternative zum Brainstorming.

Foto Schreibdenken für Introvertierte
Schreibdenken kann die Kommunikation mit Introvertierten erleichtern.

Ein anderes Beispiel, um die Ideen und Gedanken von Introvertierten freizusetzen: Warum nicht eine klassische Diskussion mal durch ein „Schreibgespräch“ ersetzen. Und beim sogenannten „Inkshedding“ werden kurze Texte zwischen den Teilnehmenden ausgetauscht, gegenseitig kommentiert und so ein Thema gemeinsam weitergedacht.

Dies sind nur drei von vielen Methoden, die die Psychologin Ulrike Scheuermann in einem „Methodenkoffer“ unter dem Begriff „Schreibdenken“ zusammengetragen hat. Nicht nur, aber vor allem introvertierten Menschen kommen solche Kreativmethoden entgegen. Damit kann auch das mächtige, oft verborgen bleibende Gedankenpotenzial der In-sich-Gekehrten nutzbar gemacht werden.

An die innere Gedankenwelt anknüpfen

Gerade für Introvertierte ist Schreibdenken hilfreich, um in einem weitgehend extravertierten Arbeitsalltag mit viel Kontakt und mündlicher Kommunikation zwischendurch zu regenerieren. Diese schriftliche Denk- und Lernmethode hilft, sich nach innen zu wenden und dort konzentriert an die innere Sprache und die eigene Gedanken- und Gefühlswelt anzuknüpfen. Introvertierte brauchen das – und Extravertierten schadet es nicht.

So habe ich es mir längst schon angewöhnt auf diese immer gleiche Aufforderung „Jetzt geh‘ doch mal etwas aus dir heraus“, ruhig zu entgegnen: „Jetzt horch doch auch mal etwas in dich rein“. 

Sind Sie der Meinung, dass die meisten Menschen lieber selber reden als anderen zuzuhören? Ich bin gespannt auf Ihre Meinung und Erfahrungen. Lassen Sie hören; oder besser: Schreiben Sie hier darüber.

 

Vielen Dank fürs Weitersagen.

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