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Gendern kann was ändern

Kann „gendern“ etwas ändern?

Besorgte Männer und Frauen rufen auf zum Widerstand gegen die gendergerechte Sprache: «Schluss mit dem Gender-Unfug» heisst die kürzlich veröffentlichte Unterschriftenaktion beim Verein Deutsche Sprache. Unfug? Laut Duden: «ungehöriges, andere belästigendes, störendes Benehmen, Treiben, durch das oft auch ein Schaden entsteht». Welcher Schaden entsteht denn, wenn wir versuchen, Frauen und Männer sprachlich gleichermassen sichtbar zu machen? Allein die Höflichkeit gebietet es, mit und über Menschen öffentlich so zu kommunizieren, dass Männer und Frauen angesprochen sind, und es gibt die demokratische Pflicht zur Gleichstellung.

Natürlich führt die gendergerechte Sprache allein noch nicht dazu, dass Frauen bessergestellt sind. Doch geeignete sprachliche Mittel kategorisch abzulehnen, behindert aktiv die Entwicklung von Gleichberechtigung. Früher waren mit Arzt, Professor, Bürger tatsächlich nur Männer gemeint, weil Frauen nie in einer solchen Stellung waren. Erst seit sich Frauen ihre Rechte erkämpft haben, gibt es das «generische Maskulinum», in dem Schreibende die Frauen mitmeinen.

Gender-Sprache stärkt die Präsenz von Frauen

Doch in der Kommunikation gibt es immer Sendende und Empfangende. Was, wenn sich Letztere nicht mitgemeint fühlen? Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass geschlechtergerechte Formulierungen Frauen stärker ins Bewusstsein rücken als das generische Maskulinum. Wenn weibliche Personenbezeichnungen in traditionellen Männerdomänen häufiger erscheinen, wird die weibliche Präsenz in diesen Bereichen für immer mehr Frauen und Männer vorstellbar und mit der Zeit auch selbstverständlich. «Gendern» kann etwas ändern.

Wer schreibt, sollte Frauen mitdenken, nicht nur mitmeinen.

Klar ist nicht jede gendergerechte Formulierung grammatikalisch der Weisheit letzter Schluss. Doch ich finde, Demokratie und Gleichberechtigung sollten höher gewertet werden als Grammatik. Denn: Sprache lebt und entwickelt sich ohnehin. Wir haben ja die Möglichkeit vom Binnen-I, dem Gender*-Stern oder wir nennen einfach beide Formen, also: Wählerinnen und Wähler. Das Portal «Geschickt gendern» oder der «Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren» des Bundes bieten viele brauchbare Ideen. Übrigens: Ich hätte auch schreiben können: «Jeder, der schreibt, sollte Frauen mitdenken…» – manchmal ist gendergerechte Sprache einfach.

Besorgte Sprachhüter*innen behaupten, Gender-Sprache sei schwer lesbar und störe den Lesefluss. Doch Studien zeigen: Geschlechtergerechte Texte sind weder umständlicher zu lesen, noch schwerer zu verstehen. Die Abwehrhaltung habe ausschliesslich mit Gewohnheit zu tun, sagt Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Ich würde sogar behaupten: Es ist vor allem die Bequemlichkeit der Schreibenden. Denn zielpersonengerechtes, gedankenvolles und korrektes Schreiben ist aufwendig und schwierig. Kreative Lösungen zu finden für eine Sprache, die lebt und niemanden ausgrenzt, ist doch eine wunderbare Sache. Und sicher kein Unfug.

(Dieser Text erschien erstmals im HR-Today, Ausgabe Mai 2019, in der Debatte
„Genderneutrale Stellenausschreibung“ mit meiner Kollegin Jelena Martinelli von
www.martinellitext.ch.)

Was denkst du zur geschlechtergerechten Sprache? Unfug oder nötig? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Vielen Dank fürs Weitersagen.